4. Dezember 2025

Wenn Eltern an Krebs erkranken, gerät für Kinder die Welt aus den Fugen.

Plötzlich ist da etwas Unsichtbares, Bedrohliches – und das Gefühl, dass nichts mehr so ist, wie es einmal war. Wenn das passiert, ist unser Beratungsangebot für Familien zur Stelle. Dieses Angebot wird durch unsere Krebsberatungen in Bochum, Düsseldorf, Rhein-Erft und Olpe angeboten. Es ist kostenfrei und richtet sich an Familien mit minderjährigen Kindern, in denen beispielsweise Eltern oder andere enge Bezugspersonen an Krebs erkrankt sind. Auch erkrankte Kinder und Jugendliche sowie ihre Familien finden bei uns psychoonkologische Unterstützung.

In unserer Krebsberatung in Olpe begleitet Alexandra Spies junge Menschen, die mit Krebs konfrontiert sind. Im Rahmen eines Interviews anlässlich des Welttags „Kinder krebskranker Eltern“ (08.11.2025) gewährt uns die erfahrene Psychoonkologin einen Einblick in ihre Tätigkeit.

Wie gehen Kinder und Jugendliche damit um, wenn ihre Elternteile an Krebs erkranken?

Alexandra Spies: In den Kindern herrscht ein ziemliches Gefühlschaos, wenn sie erfahren, dass ihre Eltern krank sind und sterben könnten. Sie haben ihre eigenen Gefühle und Gedanken – so wie wir Erwachsene auch. Wenn dann nicht genau ausgesprochen wird, was los ist, suchen viele Kinder die Schuld bei sich. Gerade deshalb ist es wichtig, sie alters- und entwicklungsgerecht über das Thema aufzuklären.

Warum ist es so wichtig, auf das Thema aufmerksam zu machen?

Alexandra Spies: Kinder tragen häufig eine große Last, wenn ihre Eltern an Krebs erkranken, gehen aber leider in unserem System oft unter. Dabei kriegen sie genauso viel mit, wie wir Erwachsene, haben aber häufig nicht die Möglichkeit allein mit der Situation umzugehen. In unseren Beratungsstellen können sie all die Fragen stellen, die sie belasten. Dabei gehen wir individuell auf die Bedürfnisse der Kinder und Eltern ein und unterstützen die Familien, in dieser schweren Zeit.

Wie sieht eine typische Krebsberatungsstunde für Kinder aus?

Alexandra Spies: Das lässt sich so pauschal gar nicht sagen. Jedes Beratungsgespräch läuft ganz individuell nach den Wünschen der Kinder ab. In manchen Fällen kommen die Kinder allein, manchmal werden sie von ihren Eltern begleitet. Es wird auch nicht immer nur geredet: Wir spielen, malen, benutzen Utensilien wie Bälle und Luftballons, gehen an die frische Luft oder machen eine Traumreise zusammen. In manchen Beratungsgesprächen geht es auch nur indirekt um das Thema Krebs. Wenn man einen Zugang zu den Kindern kriegen möchte, muss man als Beratungsfachkraft nämlich manchmal einen kleinen Schleichweg fahren.

Wie wichtig ist es, offen mit Kindern über Krebs zu sprechen?

Alexandra Spies: Sehr wichtig. Wir glauben, dass jeder Mensch das Recht hat von dem zu erfahren, das er braucht, um mit der Situation umgehen zu können. Natürlich muss man dabei aufs Alter der Kinder achten. Die Kinder, die wir derzeit betreuen, sind im Durchschnitt zwischen 9 und 13 Jahren alt. Als Beratungsfachkraft kann ich nur Empfehlungen aussprechen – die Entscheidung über den Umgang mit der Erkrankung treffen letztlich die Eltern selbst. Manche Eltern brauchen mehr Zeit, um die Hilfe anzunehmen, manche weniger. Letztlich geht jede Familie anders mit dieser Situation um, niemand kennt die Kinder so gut wie ihre Eltern.

Welche Rolle spielt der Tod in den Gesprächen?

Alexandra Spies: In unserer Gesellschaft gibt es immer noch viele Unsicherheiten im Umgang mit dem Thema. Der Tod gilt generationsübergreifend als ein Tabu, über das mehr gesprochen werden sollte. Bei einer Krebsdiagnose wird vielen Menschen erst die Endgültigkeit ihres Lebens bewusst, da es sich leider um eine lebensbedrohliche Krankheit handeln kann. Gerade für Kinder kann es schwer sein, das zu begreifen. Wir öffnen den Raum, um auch darüber zu sprechen.

Wie schafft man es, Kindern ein so abstraktes Thema greifbar zu machen?

Alexandra Spies: Wir arbeiten mit vielen Büchern, die den Kindern den Tod altersgerecht näherbringen. Es ist wichtig, dass Eltern den Kindern von Anfang an erklären, dass der Tod mit zum Leben gehört. Tod-Sein macht Angst und es ist vollkommen in Ordnung, wenn Kinder diese Angst spüren. Es geht darum, diese Gefühle zu Normalisieren und den Kindern zu sagen: „Auch Ich habe Angst“. Trotz großer Fortschritte in der Medizin kommt es leider immer noch vor, dass Betroffene an ihrer Erkrankung versterben. Mit der Zeit lernen Kinder mit Verlusten umzugehen. Dabei ist es wichtig, ihnen genau zu erklären, was es eigentlich bedeutet Tod zu sein. Tod-Sein ist nicht „einschlafen“ – Das Blut hört auf durch den Körper zu fließen und die Haare wachsen nicht mehr. Wenn man es einem Kind so erklärt, fällt es ihnen manchmal leichter, den Tod zu verstehen.

Gibt es Fälle, die dich auch nach der Arbeit noch beschäftigen?

Alexandra Spies: Manche Gedanken nimmt man mit nach Hause, aber das ist völlig okay. Ich bin ein empathischer Mensch, wenn Kinder weinend vor mir sitzen, macht mich das auch traurig. Als Beratungsfachkraft muss ich die Gefühle der Kinder mit aushalten. Das ist gleichzeitig das Schöne, aber auch das Herausfordernde an meiner Arbeit. Wichtig ist, offen über diese Gefühle zu sprechen und eigene Rituale bei der Trauerbegleitung zu entwickeln. Ich bin froh, dass wir so ein tolles Team sind, mit dem ich in solchen Momenten reden kann.

Nimmst du aus deiner Arbeit auch Erkenntnisse für dein eigenes Leben mit?

Alexandra Spies: Definitiv. Die zentralste Erkenntnis ist, dass ich so sein darf, wie ich bin. Auch ich als Beratungsfachkraft habe Ängste und Unsicherheiten und das ist vollkommen in Ordnung. In den Gesprächen versuche ich, meine eigenen Gefühle soweit es geht, beiseitezulegen. Im Nachgang gilt es jedoch, diese Gefühle zu reflektieren und zu ergründen, was sie mit mir machen.

Welche Botschaft möchtest du betroffenen Eltern und Kindern mit auf den Weg geben?

Alexandra Spies: Niemand ist allein krank und niemand muss allein leiden. Wenn in der Familie eine Krebsdiagnose gestellt wird, sind alle mit betroffen, nicht nur die Person, die erkrankt ist.

Herzlichen Dank!


Hier gibt es direkt zu unseren Krebsberatungsstellen (Familienberatungen)

Bildquelle: KI-generiert