Prof. Dr. med. Tanja Fehm ist Spezialistin für Gynäkologische Onkologie am Universitätsklinikum Düsseldorf. Dort leitet sie die Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe. Seit 2019 ist die gebürtige Nürnbergerin stellvertretende Vorstandsvorsitzende der Krebsgesellschaft Nordrhein-Westfalen e.V. Im Interview haben wir sie zum Thema HPV-Impfung befragt.
Liebe Frau Prof. Fehm, was bedeutet eigentlich die Abkürzung „HPV“?
Prof. Dr. med. Tanja Fehm: HPV ist die Kurzform für „Humane Papillomviren“. Fast jeder Mensch infiziert sich im Verlaufe seines Lebens mit den verschiedensten Typen humaner Papillomviren. Das ist an sich nichts Außergewöhnliches.
Was passiert bei einer HPV-Infektion im Körper?
Prof. Dr. med. Tanja Fehm: Die Infektion mit HP-Viren kommt über engen Haut-, vor allem Schleimhautkontakt zustande. Der häufigste Übertragungsweg ist der Geschlechtsverkehr. Bei den meisten Menschen verläuft die Infektion asymptomatisch. Das heißt, man merkt davon gar nichts. In einigen Fällen kann es aber zu langanhaltenden Infektionen kommen, die zu dauerhaften Zellveränderungen führen können. Daraus können Krebsvorstufen entstehen und im weiteren Verlauf sogar Krebs, wie zum Beispiel Gebärmutterhalskrebs, Analkrebs oder auch Krebs im Mund- und Rachenraum.
Die gute Nachricht: Es gibt es die HPV-Impfung. Kann diese Maßnahme wirklich Krebs verhindern?
Prof. Dr. med. Tanja Fehm: Ja, das kann man so sagen. Seit 2007 gibt es die STIKO-Empfehlung, Mädchen impfen zu lassen. Bereits frühe Studien haben gezeigt, dass vor allem Dysplasien (Zellveränderungen), z.B. am Gebärmutterhals, stark zurückgehen. Bestätigt wird dies ebenfalls durch Länder, in denen die HPV-Impfung eine Schulimpfung ist. Hier sehen wir, dass die Krebsinzidenz, also die Neuerkrankungsrate, signifikant beeinflusst wird, im positiven Sinne. Es gibt weniger HPV-indizierte Krebserkrankungen.
Die HPV wird oft „nur“ mit Gebärmutterhalskrebs in Verbindung gebracht. Sollten sich daher lediglich Mädchen impfen lassen?
Prof. Dr. med. Tanja Fehm: Definitiv nicht. Seit 2018 spricht sich die STIKO ebenfalls dafür aus, auch Jungen impfen zu lassen. Die Impfung wird heute für beide Geschlechter, möglichst vor dem ersten sexuellen Kontakt, zwischen 9-14 Jahren empfohlen. Es ist ein wichtiger Aspekt, dass ebenfalls Jungen geimpft werden, da auch sie HPV-Infektionen entwickeln können, die über längere Zeit zu Krebs führen können. Dazu kommt der Faktor, dass man so weitere Übertragungen des HPV-Virus verhindert. Das ist ganz wichtig.
Impfungen sind ein invasiver Eingriff in den Körper und viele Menschen haben Bedenken. Was sagen Sie, um diese zu zerstreuen?
Prof. Dr. med. Tanja Fehm: In der Regel wird die Impfung sehr gut vertragen. Wie alle Impfungen, kann auch die HPV-Impfung die klassischen Impfnebenwirkungen, wie lokalen Reizungen oder Abgeschlagenheit, verursachen. Das ist aber schnell vorbei. Schwerwiegende Nebenwirkungen sind nicht bekannt, sodass wir alle Eltern motivieren möchten, die Impfung bei Kindern durchführen zu lassen. In der Klinik machen wir heute leider noch die Erfahrung, dass nichtgeimpfte Frauen mit schweren Zellveränderungen der Gebärmutterschleimhaut kommen. Hier sind die Ängste und Sorgen groß und viele bedauern, dass sie nicht geimpft sind. Das sollte so nicht sein.
Kann der regelmäßige Besuch bei der Gynäkologin bzw. beim Gynäkologen (Gebärmutterhalskrebs-Früherkennung), die Impfung ersetzen?
Prof. Dr. med. Tanja Fehm: Nein, das sind völlig unterschiedliche Dinge. Eine Impfung verhindert Krebs. Eine Vorsorge kann natürlich auch Krebs verhindern, wenn man Vorstufen entdeckt, aber sie dient der Früherkennung. Je früher Krebsvorstufen oder Krebs erkannt werden, desto besser sind die Behandlungs- und Heilungschancen. Ich rate allen Frauen, egal ob geimpft oder nicht, die Vorsorgeangebote auf jeden Fall regelmäßig wahrzunehmen. Mit guten Informationen möchten wir für beides – Vorbeugung und Früherkennung – werben und Ängste nehmen, damit die Akzeptanz in der Bevölkerung steigt. Eine Impfung gegen Krebs ist eine sehr besondere Errungenschaft und eine wertvolle Chance für Kinder auf ein gesundes Leben.
Wir danken Ihnen sehr herzlich für das Gespräch!
Bildquellen: canva.com